Die Flüchtlinge und wir

Natürlich, die explosionsartig angestiegenen Flüchtlingszahlen sind ein Problem, und die politisch Verantwortlichen täten gut daran, die da und dort sich Bahn brechenden Ängste in der Bevölkerung in der Sache ernst zu nehmen. Es geht mit Sicherheit nicht, dass Deutschland allein fast die Hälfte aller Hilfe suchenden Menschen aufnimmt, während andere große und ebenfalls wohlhabende europäische Länder mit viel geringerer Bevölkerungsdichte sich zurück lehnen und sich verweigern. Was aber selbstverständlich auch nicht geht, sind Hassausbrüche, die in kriminelle Aktionen münden. Hoffentlich gelingt es, diese terroristischen Taten einzudämmen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und die entsprechenden Gruppierungen unter Kontrolle zu halten.

Ein Blick in die Geschichte unseres Landes kann bei alledem hilfreich sein.

In der 2. Hälfte des 17.Jh. war die Lage der protestantischen Hugenotten in Frankreich unhaltbar geworden; die Bedrohung an Leib und Leben vertrieb die Menschen in hellen Scharen. Es fügte sich, dass in Deutschland nach der Entvölkerung als Folge des 30-jährigen Krieges viel Platz war und große Aufbauarbeit anstand. Der brandenburgische Kurfürst und andere verstanden die Zeichen der Zeit und boten den französischen Flüchtlingen eine Perspektive der Hoffnung. Mehr als 40.000 kamen, für damals eine riesige Anzahl; allein Brandenburg nahm 25.000 auf. Es wurde sogar eine staatliche Kollekte, eine Art Solidaritätszuschlag, angeordnet, um des Ansturms Herr zu werden. Das lohnte sich. Die Neubürger beflügelten die darnieder liegende Wirtschaft mit neuen technischen Fertigkeiten (zB. Porzellanmanufakturen), was den Handel aufblühen ließ und dem ganzen Land gut tat. Aus Fremden wurden in kurzer Zeit preußische, sächsische, württembergische Patrioten, ein Beispiel gelungener Integration, von der u.a. das hochqualifizierte Französische Gymnasium in Berlin noch heute Zeugnis ablegt.

 

Noch massiver kamen dem Land die polnischen Flüchtlinge in der 2. Hälfte des 19.Jh. zugute, die vor den russischen Repressalien nach Preußen flohen. Von den damals 3,5 Millionen Polen kamen 500.000 und fanden im Rheinland Aufnahme. Der Aufstieg Deutschlands zu einem führenden Industriestaat in so kurzer Zeit wäre ohne diese Flüchtlingswelle undenkbar gewesen; 1911 waren 36%(!) der Bergleute im Ruhrgebiet Polen; die vielen Namen, die auf –ski enden, lassen es noch heute erahnen.Wir erstellen gerade Inhalte für diese Seite. 

Und schließlich wäre auch das Wirtschaftswunder nach dem Krieg, das in den westlichen Bundesländern stattfand, ohne die 13 Millionen Vertrieben aus den deutschen Ostgebieten, aus Böhmen, aus Rumänien, aus Ungarn, aus Russland, und ohne die große Anzahl italienischer Zuzüge, die hier Arbeit und Brot suchten und fanden, nicht möglich gewesen.

Ja, und auch die Türken, die in Deutschland Aufnahme fanden, haben ihren Teil zu unserem Wohlstand beigetragen. Allerdings zeigt sich da ein Unterschied, der die Integration bis heute erschwert. Alle früheren Flüchtlinge und Zuwanderer stammen aus demselben Kulturkreis wie wir, die türkischen Zuwanderer jedoch haben eine andere Prägung durch den Islam, durch eine völlig andere Geschichte, durch orientalische Sitten und fremde Moralvorstellungen, sie bilden sprachliche und kulturelle Ghettos und schotten sich ab; Berlin-Kreuzberg ist die zweitgrößte „türkische Stadt“ nach Istanbul und noch vor Ankara. Ich vermute, hier liegt das große Problem.

Auch die früheren Zuwanderer haben das Land verändert; aber das waren Veränderungen innerhalb einer alle umgreifenden ethischen und religiösen Identität. Was jetzt auf Deutschland zukommt, sprengt diese gemeinsame Identität. Und das lässt Ängste wachsen -berechtigte, benennbare und diffuse, gefühlte; die Slowakei will deshalb nur Menschen aufnehmen, die eine „christliche“ Sozialisation haben, wohl in der Hoffnung und Annahme, dass diese sich schnell integrieren.

Vielleicht ist das heute so schwer, weil wir uns unserer eigenen Kultur, Religion und Lebensart nicht mehr sicher sind? Wer sich seiner nicht sicher ist, hat Angst vor allem Fremden. Möglicherweise würde eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und Werte, auf den christlichen Glauben und seine praktische Ausübung, auf das gute Erbe unserer Geschichte, ohne die schrecklichen Zeiten und Taten auszuklinken, zu einer offenen, auf das Neue neugierigen, gastfreundlichen Grundhaltung helfen? Deutschland kann die vielen Zuwanderer eigentlich ja gut gebrauchen, angesichts der Demographie gerade die jüngeren mit „Kind und Kegel“; vielleicht sind sie die Chance, die Alterspyramide wieder etwas mehr ins Lot zu bringen? Vielleicht lässt sich so auch der Pflegenotstand, der jetzt schon erschreckende Ausmaße hat, wenigstens etwas entschärfen? Vielleicht werden dadurch auch die Renten für alle sicherer? Vermutlich müsste viel Geld „umgeschichtet“ werden und manche scheinbaren Prioritäten zugunsten dieser Aufgabe verschoben werden. Aber vielleicht würde sich das lohnen, wie damals bei der Aufnahme der Hugenotten  und der Polen und der Heimatvertriebenen und vieler inzwischen integrierter Menschen aus anderen Ländern? Wer weiß? Eine Chance ist es allemal – für die Hilfe suchenden Flüchtlinge und auch für uns.

Verfasser des Textes: Pfr. i. R. H.-J. Demuth
Der Text seht auf auf Seite 14-16 des Gemeindebriefes für den Zeitraum 01.10.2015-31.01.2016